Pflege im Kinderspital - Pflege zu Hause

Leana war ein paar Tage alt

als ich sie im Kinderspital Luzern kennenlernte. Sie war die kleine feingliedrige Zwillingsschwester ihres gesunden Bruders mit komplexen Missbildungen im Bauchraum, die mehrere chirurgische Eingriffe erforderten.

Leana verbrachte 12 Wochen im Spital. Unerwartete Komplikationen verzögerten den Spitalaustritt immer wieder. Leana wurde von den Eltern täglich besucht, manchmal begleitet von ihrem Zwillingsbruder Nico und von Luca, dem dreieinhalbjährigen grossen Bruder.

Bedingt durch mein Teilzeitpensum mit unregelmässigen Arbeitszeiten dauerte es lange, bis ich Leanas Mutter kennenlernte. Die Eltern erlernten die nötigen Pflegemassnahmen mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Obwohl wir mit der Stomie und deren Pflege viele Schwierigkeiten hatten, schienen die Eltern sehr optimistisch zu sein für die Pflege zu Hause.

Nach drei Monaten durfte Leana endlich nach Hause!

Die Freude war gross, doch kaum angekommen, tauchten viele Fragen auf. Die Verantwortung lastete schwer auf den schon arg gebeutelten Schultern der Eltern. Diese benachrichtigten mich sofort von der erfolgten Heimkehr ihrer kleinen Tochter. Wir vereinbarten den schnellstmöglichen Termin.

Ich fuhr in die 20 Minuten entfernte Nachbargemeinde und fand die angegebene Adresse problemlos. Die Eltern berichteten mir von der ersten Nacht zu Hause, von ihren Unsicherheiten und Ängsten. Das häufige Wechseln der Stomieplatte sorgte für viel Stress. Zum Glück konnte der Umgang mit der ungewohnten Handlung in kurzer Zeit verbessert werden. Interessant dabei war, dass dieses Problem zu Hause einfacher zu lösen war als im Spital.

Die erste Zeit begleiteten meine Kollegin und ich Leana und ihre Familie sehr intensiv. Immer wieder erzählte uns Leanas Mutter von ihren Spitalerlebnissen. Vieles konnte so verarbeitet und oder geklärt werden. Uns fiel das Zuhören und Verstehen einfach, weil wir mit der Situation vertraut waren.

Eltern brauchen Unterstützung und Bestätigung

Für mich war es eindrücklich zu erfahren, wie Eltern, die während dem Spitalaufenhalt ihres Kinder sicher und selbstbewusst waren, zu Hause doch viel Unterstützung und Bestätigung brauchen. Sie schätzten es sehr, dass ich Leana schon gut kannte, hatte ich sie doch kurz vor dem Austritt während dreier Nächte im Spital betreut. Leana war die erste Zeit zu Hause unruhiger als im Spital. Vieles war für sie wohl fremd und unbekannt. Für die Eltern war dies eine ungewohnte Situation.

Die  ganze Familie war enorm gefordert. Die Belastung war besonders für die Mutter sehr gross. Neben dem Stillen der Zwillinge und der aufwendigen Pflege von Leana wollte auch der ältere Bruder Luca ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung. Deshalb erlitt die Mutter schon wenige Tage nach der Heimkehr ihrer kleinen Tochter eine Brustentzündung. Die Belastung der vergangenen Monate war für sie zu gross gewesen. Da sich nun die Situation entspannt hatte, reagierte der Körper und brauchte ein paar Tage Ruhe.

Inzwischen ist Leana sechs Monate alt. Wir besuchen sie wöchentlich noch ein Mal. Wir besprechen laufend die Veränderungen und übernehmen für einige Stunden Leana‘s Pflege zur Entlastung der Mutter.

Mehr Eltern könnten die Kinderspitex brauchen

Ich bin überzeugt, dass mehr Eltern die Kinderspitex brauchen könnten, wenn sie darauf aufmerksam gemacht würden. Ich sehe, wie dankbar sie sind und welch grosse Hilfe unsere Unterstützung für sie bedeutet.

Die Familie eines schwer kranken Kindes braucht oft besonders nach dem Spitalaufenthalt eine Kontakt- und Ansprechperson für ihre Fragen, ihre Sorgen und Ängste. Sie bei der Pflege ihres kranken Kindes zu Hause zu unterstützen, beraten und zu entlasten, ist für mich eine wertvolle Arbeit. Oft entlasse ich kleine Patienten im Spital und frage mich, wie es ihnen zu Hause wohl gehen wird. Wenn die Kinderspitex involviert ist, gibt dies mir als Pflegende im Spital ein beruhigendes und gutes Gefühl.

Priska Burri, 2003
arbeitet als Pflegefachfrau im Kinderspital wie auch bei der Kinderspitex